Gespräch · · 33:20
„/MKDIR – Make Directory“
Janosch Weber und Daniel Lythgoe vom /MKDIR Collective über die ethischen und sozialen Folgen von Daten, Hardware und Software.
Mitschnitt · 33:20
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Transkript
Redigierte Fassung · rund 3.200 Wörter
Redigierte Fassung für die WERKstattPALAST-Publikation.
Norina: Wir freuen uns heute auf die nächste Runde donnerstags hier im WERKstattPALAST, und zwar freuen wir uns auf einen ersten Vortrag von Janosch Weber und Daniel Lythgoe. Ich würde gar nicht zu viel verraten, außer, dass wir uns schon ein länger kennen, auch aus der Off-Szene hier in Karlsruhe und zusammen eine gewisse Zeit lang bei die Anstoß gewirkt haben und ich wiederum über einen anderen ehrenamtlichen Verein auf ein spannendes PDF gestoßen bin, das dieses Projekt vorgestellt hat, über das wir gleich mehr erfahren werden, und wir dann in Kontakt getreten sind und alle fanden das passt sehr gut zur Infrastruktur, weil es um die digitale Infrastruktur geht. Und ich bin persönlich sehr gespannt auf die angekündigte digitale Dreifaltigkeit, um die es gleich gehen wird und gebe das Wort direkt weiter, nachdem ich noch ganz kurz erkläre, was danach passieren wird.
Leider werden wir Martin Mann Mannweiler heute nicht persönlich begrüßen dürfen, weil das aus privaten Gründen spontan nicht ging. Er hat aber tollerweise uns ein Teaservideo vorbereitet, was wir euch gerne im Anschluss zeigen wollen, indem er sein Projekt und seinen Film schon mal vorstellt. Wir haben uns entschieden, denn der geht 40 Minuten, und wir denken an einem Donnerstagabend, wo man auch zwei Vorträge, weil im Anschluss kommt ja auch noch mal ein Vortrag auf uns zu aus dem KIT Innovation Hub hat, dass das too much wäre, weil wir ja nachher auch noch schöne Musik genießen wollen. Insofern wird am Samstag und Sonntag in unserem Kinocontainer der Film laufen zum Thema digitale Überwachungsstrategie, insbesondere auf die Stadt Mannheim bezogen.
Da würden wir uns auch freuen, wenn ihr Lust habt, vorbeizukommen und unter anderem diesen Film angucken wollt, der wirklich sehr gelungen ist. Genau jetzt fangen wir an mit MKDIR. Es war sehr lange unter uns zumindest in der Planungsgruppe sehr schwierig und es wurden irgendwann einfach Ms Ks Ds Is Rs aneinandergereiht. Das erklärt ihr jetzt. Viel Spaß euch!
Daniel: Danke Norina. Hallo an euch alle. Schön, dass ihr alle hier seid. Ich erkläre kurz was es mit diesem Namen auf sich hat MKDIR Make Directory, das ist der Unix Befehl für die Erstellung eines Verzeichnisses. Und wir haben beide einen Hintergrund in der Raumgestaltung, wir haben beide Architektur studiert, in Karlsruhe, und weil uns diese Schnittstelle zwischen der digitalen Sphäre und der räumlichen Sphäre interessiert, haben wir diesen Begriff gesucht, oder das hat uns gefunden. Es soll darauf hindeuten, wie Raum gebaut und geschaffen wird und wie digitaler Raum erschaffen wird.
Janosch: Jetzt würden wir einfach mal mit unserer Präsentation direkt einsteigen. Wir begeben uns heute auf die Suche nach dem Cyberspace, nach dem eigentlichen Raum, der sich dahinter verbirgt.
Daniel: In dem Sinne würden wir mit einer Frage beginnen. Wie Janosch es gesagt hat, es geht ja um diesen Begriff Cyberspace. Was mir oft hilft, wenn ich mich einem Thema versuche anzunähern, ist zu sagen „Woran denke ich ganz intuitiv, wenn ich versuche, einen Begriff für mich zu definieren?“, denn das offenbart gleich viele soziokulturelle Zusammenhänge, die das in sich hat.
Als ich an Cyberspace gedacht habe, das Erste, was mir dann einfiel, sind so ja kartesische Formen, die als Drahtgittermodell in einem Weltall schweben. Diese Ästhetik ist den Einschränkungen der Rander-Software in den 80er und 90er Jahren zu verschulden. Dann habe ich weiter nachgedacht „Vielleicht ist es auch mein Twitter-Feed und die Beziehungen, die ihr vielleicht auch dort pflegt. Vielleicht sind es die Server, die zugleich ein Kernelement dieser digitalen Infrastruktur, als auch ein hochtouriger Daten-Basar sind oder gar die Gebäude, die diese Server behausen, die Bunker artig sich verstreuen inmitten unserer Städte oder auch eine ganz stereotypische Darstellung von Cyberspace als flaches Raster endlos unbeachtet, erschliessungsfähig, komplett gleichwertig im Ausdruck einer Anti-Hierarchie, eine Art Idealstadt für eine digitale Renaissance.“ Worüber wir heute reden wollen ist, dass dieses Bild eigentlich wenig mit der Realität zu tun hat, und wir wollen auf die intrinsisch räumlichen Aspekte des Cyberspace als maßgeblicher Raum und Lebensraum des 21. Jahrhunderts eingehen und vor allem, warum auch eine kritische Auseinandersetzung mit den sozialen und politischen Rahmenbedingungen wichtig ist für die Entwicklung nicht nur der Städte, nicht nur des ländlichen Raumes, sondern auch für die Entwicklung eines tragfähigen Gesellschaftsbildes. Wir fangen daher an mit dem ersten Thema, dass Cyberspace räumlich ist und eigentlich auch schon immer war in seiner Konzeption.
Janosch: Die erste Erwähnung von Cyberspace sehen wir hier in einer Collage von 1968. 1970 sind diese Collagen entstanden. Was wir hier sehen, ist eine menschliche Figur in einem Raum, der sowohl aus geometrischen als auch organischen Objekten besteht. Die Künstlerin war Susanne Ussing und der Architekt Carsten Hoff aus Dänemark. Die haben sich zusammengetan unter dem Namen Atelier Cyberspace und haben nach der Theorie der Kybernetik von Norbert Wiener angefangen, Räume zu bauen, also nicht nur Collagen, sondern auch Installationen zu bauen und die haben die Sensory Spaces genannt. Die Idee war es, Interventionen zu schaffen, bei denen man durch physischen und emotionalen Eindruck die Wahrnehmung vom Raum an sich auflöst und eine Verbundenheit zwischen Körper und Welt finden kann. Für Ussing und Hoff war der Cyberspace an sich etwas Physisches. Es war kein virtueller Raum.
Im Gegensatz dazu die Konnotation von Cyberspace, wie wir sie heute verstehen, kommt aus dem Science-Fiction-Bereich von William Gibson. In den 80er Jahren hat er einige Science-Fiction Romane verfasst. Da ist führt er den Cyberspace ein. Der Cyberspace dort ist wie folgt:
„Cyberspace concentral hals nation experience by billions of operators. A graphic representation of dada abstractiv from the bank of harry computersystem of computer in the human system.” (??)
Dieses Bild des Cyberspace, des unendlichen Datenraums, der Cloud, das ist auch immer noch eine Vorstellung, die von den Pionieren und Vordenkern des Internets, wie es heute existiert, gerne herangezogen wird.
Dagegen das real existierende WWW sieht man hier oder zumindest eine Präsentation davon, die ist 2012 entstanden ist, also so gut vor zehn Jahren. Damals hat ein Hackerkollektiv einen Internets Sensus versucht zu erstellen und mit 420.000 gehackten Geräten versucht alle verfügbaren IP-Adressen anzupinen und dadurch zu ermitteln, welche überhaupt genutzt werden und wer die aktiven Nutzer des Internets sind. Was wir hier auf der Karte sehen, ist das Nutzen der IP-adressen über einen Tag verteilt. Wenns rot wird ist viel Aktivität, wenn es blaues ist, ist ruhig. Damals, 2012, waren es 1,30 Milliarden Adressen, die aktiv waren. Heute ist es schwierig das noch mal zu machen, weil es ein neues Internetprotokoll gibt, dass das nicht so leicht ermöglicht.
Die ganze digitale Ökonomie, die sich durch das Internet entwickeln konnte, basiert auf dem Grundsatz der globalen Reichweite und Grenzüberschreitung. Um die globale Kommunikation übers Internet zu ermöglicht, wird ein immer dichteres Netzwerk an Leitungen geknüpft. Die Tiefseekabel hier auf der Karte verbinden die unterschiedlichen Regionen der Welt und in Zukunft wird es noch ergänzt durch Satelliten, die die ganze Kommunikation unterstützen.
Der Unterbau des Nicht-Raums des Cyberspace ist eine global umspannende Infrastruktur, die sich von der Tiefsee bis zur Exo-Sphäre ausdehnt. Regierung, Unternehmen und politische Entscheidungsträgerinnen treibt vor allem das Versprechen nach mehr Effizienz, Transparenz und Produktivität dazu an, die Sammlung und Verarbeitung von Daten auszuweiten. Die Systeme wie wir sie kennen und mit denen wir im urbanen Raum interagieren, haben sich längst auf den ruralen Raum ausgeweitet, sei es zur Optimierung von Anbauflächen, als auch zur Extraktion von Rohstoffen in dem Fall hier in der Atacama Wüste in Chile zur Förderung von Lithium, wodurch zu sehen ist, wie sich das Anthropozän auf unseren Globus auswirkt.
Abseits von den Datenbanken im Netz wird die Oberfläche unseres Planeten damit immer mehr und unser Habitat allmählich vom Cyberspace kolonisiert.
Daniel: Das sind ein paar Beispiele für die räumlichen Auswirkungen dieser logistischen Prozesse und infrastrukturellen Rahmenbedingungen, die diesem System zugrunde liegen.
Die Konzeption von Cyberspace geht über diese räumliche Gestalt hinaus und das ist unser nächster Punkt, dass Cyberspace eine politische Sphäre umfasst.
Zunächst müssen wir über ein paar von den Bestandteilen dessen reden. Zum einen Daten. Was sind Daten? Oft wird dieser Begriff synonym verwendet mit Informationen, aber Daten haben eine zusätzliche Komponente. Sie umfassen nicht nur Informationen, sondern auch ihre Bewegungen, das heißt, es sind Informationsflüsse. Zwei Autoren, Nick, Coach und hieß (?) haben 2019 ein Buch geschrieben, das heißt „The costs of connection“, und die bringen da ein ganz prägnantes Beispiel, wie man Daten verstehen kann. Die sagen, eine Einkaufsliste, auf einem Stück Papier gekritzelt, sind keine Daten. Wenn Sie aber auf dem Handy notiert werden, zum Beispiel einer App, dann sind es Daten. Wenn wir über die Algorithmen reden, die Informationen über alle Nutzer einer App sammeln, was sie auf die Listen schreiben, dann sind es Daten.
Dem gegenübergestellt stehen Datenbeziehungen. Das nennen sie Data Relations. Datenbeziehungen sind Formen der Interaktion, ob miteinander, also zwischenmenschlich oder mit der Welt, also nicht Daten unter/an sich. Die stellen neue Arten von menschlichen Beziehungen, die unsere Konzeption von Daten als Ware ermöglichen. Es ist vorstellbar, dass zukünftig Datenbeziehungen so selbstverständlich werden in unserem kulturellen Bewusstsein wie etwa Arbeitsbeziehungen heute. Durch Datenbeziehungen wird das menschliche Leben nicht nur unserem Wirtschaftssystem einverleibt, sondern auch einer ständigen Kontrolle und Überwachung unterworfen. Das Resultat ist, dass die Autonomie des menschlichen Lebens in einer fundamentalen Weise untergraben wird. Das ist die gleiche Autonomie, die die Grundlage der Freiheit bildet, also genau der Wert, der von den Befürwortern des gleichen Wirtschaftssystems angepriesen wird.
Ich stelle zwei Modelle der Kontrolle kurz vor. Was wir hier sehen, ist ein Panoptikum, wie das in einem Gefängnis gebaut worden ist. Das wurde von einem sozialen Denker, Jeremy Benson, der in England gelebt hat, im 18. und 19. Jahrhundert erfunden. Das war ein Konzept zum Bau von Gefängnissen, aber auch anderen Anstalten, z.B. Fabriken, dass die gleichzeitige Überwachung von vielen Menschen aus einer zentralen perspektive ermöglicht. In diesem Diskurs zur Haft in der damaligen Zeit stellt das eine statische Form von Macht dar. Was es beinhaltet, ist die Unterwerfung des Subjekts, auf englisch sagt man dazu auch „subjugation“, was etymologisch Gemeinsamkeiten mit dem Wort „subject“/“Subjekt“ aufweist.
Dem gegenübergestellt haben wir dieses inverse digitale Panoptikum. Byung-Chul Han spricht in seinem Buch „Psychopolitics“, in dem er sagt: „Now everyone is his or her own panopticom.“ Das heißt dadurch, dass wir diese Technologien nutzen, akzeptieren wir die Überwachung als eine Anforderung des täglichen Lebens, und es sind solche extra tiefe Beziehungen, die eine grundlegende Form der Enteignung darstellen. Ein Leben, das ständig verfolgt werden kann, ist ein enteignetes Leben. Es wird ständig von externen Interessen in Anspruch genommen und der Extraktion unterworfen. Das Ganze basiert auf diesem Konzept von Daten als Rohstoff. Das ist die Bedingung, um Datenbeziehung überhaupt zu ermöglichen. Damit personenbezogene Daten verwertet werden können, müssen wir sie als Rohstoff behandeln. Ein Rohstoff, der zur Verwertung, zur Extrahierung freisteht. Wir haben gesagt, personenbezogene Daten sind nichts anderes als die Informationen, die unser inneres Leben beschreiben, sowie auch die sozialen Zusammenhänge, die sich daraus ergeben. In dem Sinne wird das letzte Äußere der Wirtschaft demontiert. Byung-Chul Han spricht an dieser Stelle von einem Gefühlskapitalismus, also die Kapitalisierung unseres inneren Lebens.
Wo bisher der Neoliberalismus soziale Prozesse als Märkte behandelt hat, sehen wir etwas anderes. Heute sehen wir, wie Datenbeziehungen, die sozialen Prozesse wortwörtlich in Märkte verwandeln, die soziale und die wirtschaftliche Sphäre verschmilzt. Diese Sachlage übersieht zwei wichtige Punkte aus unserer Sicht:
Daten sind keine frei verfügbareren Rohstoffe. Sie bedürfen Infrastrukturen, die ihre Verwertung und Extrahierung ermöglichen.
Daten und die Beziehungen, die sie umschreiben und umfassen, sind unumgänglich mit ihren Subjekten verwoben, die Subjekte, die sie generieren und ihnen Bedeutung stiften. Das heißt, die Rechte, die jedem einzelnen Menschen gewährt werden, müssen konsequenterweise auch ihren Daten zugestanden werden.
Um das ein bisschen konkreter zu machen, fragen wir uns „Wie weit reicht das?“ Wichtig ist anzumerken an dieser Stelle, dass wir uns noch ganz am Anfang dieser ganzen Entwicklung befinden. Die Verwertung von Daten und der ganze Diskurs rund um Big Data herum, das existiert im theoretischen Diskurs seit ca. 15 Jahren und praktisch seit 10 Jahren. Hier ist ein Beispiel von einem Unternehmen in den USA namens Axium (?). Die handeln mit den persönlichen Daten von etwa 300 Millionen US Staatsbürgern und Staatsbürgerinnen. Ich habe gelesen, dass Axium inzwischen mehr über die amerikanische Bevölkerung weiß als das FBI, das muss man sich erst mal vorstellen. Dieses Unternehmen teilt Menschen in etwa 70 Kategorien ein, die im Katalog frei zum Verkauf angeboten werden. Hier sieht man die ganzen Branchen, wo sie unterwegs sind, das geht vom Gesundheitswesen über die Mobilität bis hin zu Lebensmittelversorgung, also alle Bereiche des menschlichen Lebens. Durch solche Beispiele wird es erst vorstellbar, dass zum Beispiel eine Regierung wie die vom Vereinigten Königreich, das gemacht hat im Jahr 2013. Die haben überlegt, den Zensus abzuschaffen und sich auf privat erhobene Daten zu verlassen. Das ist eigentlich das Weggeben von einer zentralen Instanz der Autonomie des Staates und auch dessen Bürgern.
Ein anderes Beispiel ist die Firma Weewag (?). Die haben sich rasant entwickelt vor ihrem Crash vor ein paar Jahren und die konnten das zum Teil deswegen machen, weil sie die Entscheidung darüber, wo sie ihre Offices aufmachen, Datenmetriken anvertraut haben. Die haben geschaut, welche Stadt, welches Stadtviertel sich zur Gentrifizierung eignet anhand von einer Agglomeration von Datenmetriken und haben einfach spekulativ dort Offices aufgemacht. Das haben sie zusammen gemacht mit einem anderen Unternehmen namens Factual (?), das unbekannt ist, aber auf dem Finanzmarkt ein gewaltiges Unternehmen ist. Ich finde es interessant zu beobachten, dass die Firmen, die mit Daten handeln, meistens nicht im Vordergrund des politischen Diskurses stehen, außer die Social Media Firmen, die bilden aber auch nur einen Teil dieser Wirtschaftssparte. In dem Buch „Cost Connection“ nennen die Autoren diese Sparte der Social Quantification Sector. Es geht um die Quantifizierung und die Vermessung des Sozialen.
Mit einem ähnlichen Ansatz wie das, was Weewag verfolgt hat, aber im Wohnbereich hat Skyline AI, ein Asset Manager für Gewerbeimmobilien mit künstlicher Intelligenz entwickelt. Die haben sich die Aufgabe gestellt, die Welt der Immobilieninvestition in den Hochfrequenzhandel einzuführen, sodass es sich mehr den Finanzmärkten ähnelt, wo 70 bis 80 % des Handels automatisiert ist. Spätestens, wenn man so ein Beispiel sieht und dann über Mietpreise nachdenkt, weiß man, dass Cyberspace durchaus eine wichtige politische Komponente hat. Ja, diese drei Beispiele zeigen nicht nur, dass Cyberspace politisch ist, sondern auch, dass da eine riesige Infrastruktur dahintersteckt. Und das wäre unser nächster Punkt.
Janosch: Genau, wir kennen Sie wahrscheinlich alle und haben es vielleicht schon alle genutzt. Wer morgen noch schnell ein Datenkabel braucht oder eine Handyhülle, klickt sich schnell auf Amazon. Heute bestellt, ist es morgen schon da. Wie funktioniert das? Natürlich basierend auf einer riesigen Ansammlung an Daten und Algorithmen, die versuchen, durch Vorhersagemodelle herauszufinden, was am nächsten Tag am wahrscheinlichsten bestellt wird. Diese globale logistische Infrastruktur baut eher auf den Überwachungsfähigkeiten der Nutzer als auf Profit-Machen. Ein weiteres Modell ist z.B. Blue River im Farming Sektor, also im ländlichen Raum. Dort wird mithilfe von cyberphysischen Strukturen oder im Internet of Tings (IOT) bei der Produktion von Nahrungsmitteln auf Automatisierung gesetzt. In dem Fall gibt das Seed and Spray-System (?), das vernichtet Unkraut und ist auch ein Algorithmus, der quasi ganz spezifisch das Unkraut identifizieren kann und nur das Unkraut vernichtet. Dabei werden dann noch Daten über die Pflanzen gesammelt, die Cloud basiert, dem Landwirt von heute live zur Verfügung gestellt wird. Aber das Ganze endet da nicht. In den letzten Jahren kommen immer mehr Patente von Tech-Firmen in die Presse, und manchmal scheinen die banal und andere sind völlig absurd, wie z.B. ein Paketlager im Wasser. Es wird konstant nachgedacht darüber, wie die Verschmelzung von digitaler und physischer Infrastruktur und der Übergang von algorithmischer Logik aus dem Virtuellen Raum in den physischen und sozialen Raum stattfinden kann.
Ein anderes Beispiel bzw. eine andere Anwendung ist die eben die Smart City. In dem Fall werden Sensoren in der Stadt aufgestellt oder Sensoren nutzbar gemacht, die schon vorhanden sind, um diese dann anzubinden an eine digitale Plattform, welche dann wiederum Services der Stadt zur Verfügung stellen kann. Ob das dann Dienstleistungen sind, wie Parkleitsysteme oder Risikoabschätzung an größeren Plätzen. In dem Fall würde ich auch auf den Film verweisen, der am Wochenende gezeigt wird. In dem geht es auch um algorithmische Kameraüberwachung von öffentlichen Räumen. Das ist auch ein der Smart City. Das Ganze mündet dann schlussendlich da drin, dass man der Öffentlichkeit das ganze zur Verfügung stellen will. Eine Smart City ist oft eine Staatsfinanzierung und deswegen besteht der Wille, dass zur Verfügung zu stellen und da sprechen wir von dem „digital twin“ heutzutage. Ein „digital twin“ kann ein Zwilling/ein Abbild sein, von einem physischen Prozess, von einer Person, von einem Ort, in dem Fall eben von der ganzen Stadt. Ursprünglich wurden diese entwickelt bei industriellen Fertigungsprozessen um Anlagen, bevor man sie baut, sie komplett zu testen und zu verbessern mit größeren oder besseren Bim-Modellen. Das sind Building-Information-Models. Mit Big Data und der modernen Kartografierung über Satelliten werden 3D Modelle von Städten erstellt, bei denen sich Nutzer, also wir Bewohner der Stadt, einloggen können und eine zusätzlich virtuelle Feedback Schleife für Bürger zur interaktiven Partizipation integriert werden.
Daniel: Das sind die Fortschrittlichen. Meistens ist das dann doch noch im privaten Sektor.
Janosch: Genau. Viel davon ist noch im privaten Sektor und noch nicht öffentlich. Es gibt einige Städte, die, wie Helsinki als Paradebeispiel, oder Tallinn, die gute digital Twins ihrer Städte bauen. Damit wären am Ende.
Daniel: Diese Geschichte um das Touren (?) herum, das zeigt uns, dass der Cyberspace ein Abbild der Realität ist. Es ist nicht etwas, was dazu parallel existiert, sondern es widerspiegelt die sozialen und wirtschaftlichen Prozesse und Werte, die wir haben, wieder und darüber nachzudenken „Wie wollen wir den virtuellen Raum gestalten?“ ist gleichzusetzen damit, „Wie wollen wir eigentlich unsere Gesellschaft gestalten?“ Und wir sind nicht ganz zum letzten Punkt angekommen. Wir haben noch einen Offen werden wir auch heute nicht machen, denn am Sonntag haben wir auch noch einen Workshop hier im WERKstattPALAST um 12 Uhr. Da werden wir zusammen auf spielerische und kreative Art und Weise weiter über diese Fragen und Themen nachdenken und versuchen, unsere Ideen festzuhalten. Also herzliche Einladung auch dazu. Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit.
Norina: Vielen Dank. Ich bin mir sicher, dass drei Stunden reichen Sonntag nicht aus, also kommt alle vorbei. Viel Redebedarf auch zu den verschiedenen Themen gibt. Ich würde trotzdem einmal in die Runde fragen, ob es gerade ein Fragen oder einen Impuls Eurerseits gibt, wo ihr sagt, da würdet ihr gerne noch mal anknüpfen, oder ob wir das gemeinsam am Sonntag erarbeiten. Falls es eine Wortmeldung gibt, wollen wir die natürlich noch hören.
Publikum: Zu den Daten. Ihr hattet es gesagt, dass es einen Punkt gibt, wo die Daten von dem Zettel aus übertragen werden in den digitalen Space und das sie dadurch zu Daten werden und davor nicht. Aber das gleiche wurde ja auch andersherum gehen. Das ist nicht die daten. Gibt es einen Punkt, wo Daten aufhören wieder Daten zu sein?
Daniel: Ich denke das hängt damit zusammen, ob und inwiefern man sie auswerten kann und inwiefern sie auch Zusammenhänge beschreiben, also interpersonale Zusammenhänge, dieses Thema der Datenbeziehungen, dass ist das, was sie kapitalisierbar macht und das ist, was sie auch aus einem kritischen Standpunkt betrachtet interessant macht. Wenn du dich entscheidest die App zu löschen und wieder Notizzettel benutzt, dann durchaus.