Worum es ging
Das Amt für künstlerische Vermessung (AfkV) ist eine Methode, sich dem komplexen Gefüge „Stadt“ emotional-subjektiv anzunähern, Einblicke in bestehende Strukturen zu sammeln und relevante Fragen in den Zwischentönen der Stadtgesellschaft zu finden. Jurek und Lydia von Socialform berichteten von den ersten zwei Einsatzgebieten, der Idee hinter dem Amt und von dem, was man unterwegs noch so findet.
Beteiligte
Jurek Werth (Stadtplaner) und Lydia Kähny (Szenografin) von Socialform
Socialform
Kollektiv, Amt für künstlerische Vermessung
Kollektiv aus Darmstadt. Mit dem „Amt für künstlerische Vermessung“ nähert es sich der Stadt emotional-subjektiv an und sucht nach relevanten Fragen in den Zwischentönen der Stadtgesellschaft.
Jurek Werth
Stadtplaner · Socialform
Lydia Kähny
Szenografin · Socialform

Medien
audio · 58:09
„Amt für künstlerische Vermessung“
Jurek und Lydia von Socialform stellen das Amt für künstlerische Vermessung vor, eine Methode, sich der Stadt emotional-subjektiv zu nähern.
Transkript
Redigierte Fassung für die WERKstattPALAST-Publikation.
Norina: Ich freue mich ganz besonders, dass ihr hier seid, denn man steckt ja oft in den eigenen Blasen drin. Das hatten wir letztes Wochenende, als Auftaktveranstaltung auch schon diskutiert u.a. mit Andreas Gerte aus dem KIT, inwiefern dieses Blasen verhalten auch zu einem nicht zwingend nachhaltigen Erbauen von Infrastruktur führen kann. Deshalb sind wir umso dankbarer, dass wir die Tage haben, um das zu teilen, was ihr wahrscheinlich auch in gewissen Teilen erlebt im Bereich künstlerische Vermessung.
Das Amt für künstlerische Vermessung ist ein Projekt wiederum eines Dachprojektes Social Form. Ihr werdet uns gleich noch genauer diese Differenzierung beibringen. Es geht euch darum, dass es euch eigentlich nicht gibt, wie ich ergoogelt habe, da ihr keinen eigenen Raum habt, den ihr bespielt, sondern ihr geht temporär in den Stadtraum, um dort, sowohl das Umfeld, das bauliche, also physische Umfeld kennenzulernen, wie aber auch all seine Akteure und Akteurinnen, Objekte und alles, was man aufspüren kann.
Lydia: Wir haben den Vortrag folgendermaßen aufgebaut: Erst mal erläutern Jurek und ich, wie wir zusammenarbeiten und wie unser jeweiliger Hintergrund funktioniert, und dann stellen wir euch das Amt für künstlerische Vermessung und die aktuelle Vermessung auch vor.
Jurek: Wir erzählen erst mal ein bisschen was von uns. Wie Norina schon gesagt hat, ist nicht ganz klar, was Social Form ist. Wer ist Lydia, wer ist Jurek?
Social Form ist ein Gestaltungsbüro. Das ist ein wirtschaftliches Unternehmen und da bin ich einer der Geschäftsführer.
Ich komme aus langjähriger Kulturarbeit in Darmstadt: wir hatten Kulturverein Das Blumen e.V. von 2012 bis 2018. Den Verein gibt es auch immer noch, aber wir sind irgendwann zum Schluss gekommen, dass das Ehrenamt vorbei ist für uns. Wir haben mit dem Kulturverein immer Leerstand gespielt und haben dort immer auch Leerstand umgenutzt. Wir waren eine Gruppe aus Gestaltern und Architekten. Das hat schließlich dazu geführt, dass wir 2017 vom Staatstheater beauftragt worden sind – noch im Kulturverein – eine Installation auf einem Staatstheater Vorplatz zu machen. Das war der Startschuss für unsere professionellen Aufbauten. Dann haben wir uns zu siebt aus dem Verein rausgezogen und haben gesagt: „Nee, dass im Ehrenamt ist, schon gut, das machen wir zwar auch noch, aber wir wollen auf jeden Fall damit unser Geld verdienen.“ Das waren dann Gestalter und Architekten, Kommunikationsdesigner, Produktdesigner, aber auch Handwerker – ich bin selbst auch gelernter Tischler.
Wir haben dann das, was wir im Kulturverein gemacht haben, versucht, in Darmstadt professionell auf die Beine zu stellen, wollten aber mit der Kultur verhaftet bleiben. Deswegen gab es dann, nachdem wir erst dieses Studio gegründet haben, ein halbes Jahr später wieder den Verein, um eigenständig die Projekte initiieren zu können, weil wir gemerkt haben, dass es aus der freien Wirtschaft zwar eine gewisse Nachfrage gibt, aber für die Art von Kultur, für die Art von Projekten, die wir uns vorstellen, ist das sehr schwierig.
Man sieht das hier noch sehr gut. Wir hatten sehr starke formale Gestalter bei uns im Team und haben in der Arbeit immer sehr viel Wert auf die Partizipation und die Beteiligung im Entstehungsprozess, aber auch später in der Rezeption der Arbeiten, Wert gelegt und haben versucht, die Brücke zwischen einer sehr starken formalästhetischen Gestaltung und trotzdem einer gewissen Teilhabe oder Zugänglichkeit herzustellen.
Das hat aber auch zu gewissen Spannungen in unseren internen Strukturen geführt. Wir hatten die sehr starken Formalästheten und die sehr starken Partizipationisten.
Ich bin, mit einem anderen Partner, weiterhin Social Form und wir versuchen gute formale Gestaltungen zu liefern, aber trotzdem zu gucken, was die Bezüge zu den gesellschaftlichen Abhängigkeiten und Bedingtheiten dieser Gestaltung sind. Das heißt, ein sehr starker Fokus liegt darauf, partizipativ zu den Ergebnissen zu kommen, also mit dem Einbezug der Beteiligten ins Gespräch zu kommen, bevor wir Projekte machen und mit diesen Beteiligten, aber auch die Projekte zum Leben zu bringen – die Projekte von der Pike auf zu entwickeln und im Entwurfsprozess schon drüber zu sprechen, wie wir es dann später betreiben: Wer macht was? Was gibt es für Verantwortlichkeiten? Wer kann was? Was gibt es für Kompetenzen im Team?
Wir arbeiten nie allein als Social Form, sondern immer in größeren Allianzen von Projekt zu Projekt, immer wieder mit neuen Akteuren, lokalen Akteuren, die mit ins Projekt kommen, die das Projekt auch tragen.
Lydia: Ich zeige euch hier auf der Folie ein aktuelles Projekt, in dem ich gerade drinstecke. Ich arbeite schon lange auch Institutions gebunden. Ich bin gerade wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Gestaltung, dort in einem Bildwissenschaftsprojekt. Dort beschäftigen wir uns mit digitalen Bildern und Planen auch eine Ausstellung am 25. November.
Ich habe auch eine Tischlerausbildung nach dem Abitur gemacht und habe dann Innenarchitektur bis zum Bachelor an der Burg Giebichtenstein in Halle studiert, dann auch eine Zeit lang dort als künstlerische Mitarbeiterin gearbeitet und bin dann für die zweite Studienphase nach Karlsruhe gekommen und dort auch immer in Institutionen wie dem ZKM oder dem ZAK gearbeitet. Dort habe ich viele Einflüsse oder auch Themen mitbekommen, die mich auch immer noch begleiten
Ich möchte euch hier kurz auf mein erstes freies Ausstellungsprojekt aufmerksam machen. Die Ausstellung hieß „Erwerb“ und wir haben ein Jahr lang Künstlerinnen und Künstler nach dem Abschluss begleitet und geschaut, welche Maßnahmen sie ergreifen, um in ihr professionelles Künstlerinnen-Dasein zu starten. Das ist ein sehr schönes Projekt. Das jährt sich jetzt acht Jahre und ich denke darüber nach, ob ich zum HfG-Jubiläum.
Mit Jurek bin ich über eine Ausstellung letztes Jahr zusammengekommen, und zwar habe ich dort eine Ausstellung für den Heidelberger Frühling geplant. Es war eine sehr turbulente Zeit, weil der Heidelberger Frühling ist ein Festival für klassische Musik und die hatten ein Jubiläum und dann aber Pandemie und konnten eigentlich kaum auftreten. Unsere Ausstellung war für den Innenraum geplant. Die Ausschreibung lief schon und dieses Studio war damals ein Unternehmen, an das wir ausgeschrieben haben, und dann sind wir aus unseren Räumen geflogen und mussten ad hoc auf den Außenraum ausweichen. Jurek und ich und mein Team, hatten dann eine ganz gute Art, damit umzugehen und aus dieser Zusammenarbeit ist unsere Verbindung gewachsen.
Ich wurde dieses Frühjahr angefragt, das zweite Amt für künstlerische Vermessungen zu begleiten. Ich bin eigentlich eine temporäre Mitarbeiterin bei Social Form.
Jurek: Genau, aber trotzdem sitzt du hier mit mir auf dem auf dem Podium. Das ist uns recht wichtig. Klar, treten wir nach außen als Social Form auf, aber wir versuchen zumindest, dass wir so eine Arbeitsstruktur uns erarbeiten, dass wir trotzdem gemeinsam das Projekt weiterentwickeln. Jetzt auch in diesem Fall bist du dazu gekommen. Du bist in viele digitale Strukturen reingerutscht, die wir im ersten Amt entwickelt haben, und du hast ein Onboarding erfahren, aber immer mit der Offenheit nach hinten raus, diese Strukturen auch weiterzudenken und weiterzumachen. Das ist nämlich das, was einerseits unsere Arbeit sehr bereichert, immer wieder mit neuen Leuten zu arbeiten, aber andererseits auch immer wieder zu Reibungspunkten führt, weil natürlich Strukturen neu erarbeitet werden müssen. Gemeinsames Arbeiten muss immer wieder neu überdacht werden. Das ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits ist es sehr, sehr spannend und auch wieder schön, z.B. in dem Fall auch, dass du einen ganz anderen Blick auf das AKV und den Gedanken hinter dem Amt gebracht hast, wie das vielleicht von den Gründungsvätern und -müttern vom AKV war. Andererseits gibt es viele Diskussionen, die ein zweites und drittes Mal geführt werden müssen. Das ist das Glück und Leid an all unseren Projekten. Das gehört einfach dazu, mit Leuten zusammenzuarbeiten, in die Reibung zu gehen, die Reibung auch auszuhalten und versuchen, aus der Reibung was gutes Neues rauszubekommen. Keinen Stillstand im Projekt, sondern was Gutes.
Lydia: Es hört sich an, als hätten wir die ganze Zeit Beef gehabt, aber so war es natürlich nicht. Wir haben hier stellvertretend für unsere Art, wie wir zusammengearbeitet haben, Screenshots gemacht, von unserer Projektorganisation: einmal „Notion“ und einmal „Drive“. Es gab aber noch 100 andere Plattform: Zoom, Tandem, Messe, Drive, Now, Carsharing Account. Das sind alles Tools, die man erfährt, wenn man miteinander kollaboriert.
Jurek: Das ist eine gute Überleitung, was die digitalen Strukturen angeht.
Das ist der Aufhänger vom Amt: uns gibt es eigentlich gar nicht, bzw. das AKV gibt es eigentlich nicht in Form von einer physischen Struktur, es gibt nur eine Webseite und einen Haufen Formulare, Vordrucke, Leitfäden, wie man mit dem Amt umzugehen hat, das sich in der ersten Amtszeit entwickelt hat. Die sind immer noch so fluide, dass sie weitergeschrieben worden sind. Denn für uns ist das AKV eine Methode, das ist eigentlich eine Arbeitsweise von uns.
Das AKV steht für Amt für künstlerische Vermessung. Wir arbeiten viel im städtischen Raum, in Stadtentwicklungsprojekten über eine sehr starke Präsenz vor Ort, aber haben immer auch die Stadtentwicklung mit im Blick.
In Darmstadt speziell gibt es ein paar Gebiete, die momentan entwickelt werden über sogenannte EEX (ß), also integrierte Stadtentwicklungskonzepte. Da werden vorher klassisch über Stadtplanung viele quantitative Daten erhoben. Die Demografie wird ausgewertet. Es wird geguckt, was es für eine Bevölkerungszusammensetzung gibt. Was macht Sinn? Es wird ein in das Stadtviertel reingegangen, aber die sog. Bürgerinformation oder -beteiligung ist, unserer Meinung nach, noch ausbaufähig. Was wir versuchen, durch diesen Kniff mit dem Amts-Gedanken, diesen sehr starken topdown Gedanken, mit dem sehr sinnlichen, sehr emotionalen, sehr subjektiven Vorgehen von Künstlern zu verbinden, um ganz klar die Frage zu stellen: Was gibt es für andere Wissensstände? Was gibt es für andere Informationen, die man über die gängigen Methoden in den städtebaulichen Entwicklungsprojekten nicht finden kann? Und wie können die erhoben werden?
Das ist ein kleines Paradox, dass wir einerseits sagen: „Wir sind das Amt für eine künstlerische Vermessung, haben dann aber Künstler, also jeder Amtsleiter, das ist so die Idee. Die Künstler werden über Open Calls eingeladen und müssen sich auf die Amtsleitung bewerben und sollen dann für uns oder mit uns frei in dieses Viertel gehen und das Viertel für uns vermessen. Das ist die Grundidee. Das ist auf der Ebene sehr spannend, weil wir erst mal gar nicht wissen, was am Ende rauskommt. Wir sagen: „Hier ich habe da 2000 ۬ Honorar für einen Monat für fünf Wochen.“ Das ist ungefähr das Framing, das Setting unseres Projekts. „Macht euch auf die Suche und erzählt euch, was ihr aus eurer Perspektive findet“, um dann mit dieser Vermessung wieder zurückzuwirken, in die Stadtentwicklung. Gibt es anschließend neue Ideen?
Das ist die Grundidee dieser Methode, und wir hatten es schon gesagt, dass das nicht ohne physischen Raum geht. Das Amt hat keinen eigenen physischen Raum und muss immer wieder einen neuen physischen Raum besetzen und braucht immer wieder Andockpunkte in der Stadt. Das ist wichtig, dass wir dort auch Orte bespielen, an denen die Kunst entwickelt wird, an denen die Künstler arbeiten, in Form von offenen Ateliers eigentlich und an denen die Kunst auch rezipiert und besprochen werden kann. Meistens geht es einher, dass in diesem Raum auch noch nebenbei Projekte von Bürgern oder Bürgerinnen oder lokalen Akteuren stattfinden.
So viel zur Theorie, jetzt zur Praxis.
Das erste Amt für künstlerische Vermessung war in Darmstadt an einer Tanke. Da ist der Anlass klar gewesen. Das Pallaswiesen- und Mornewegviertel, das westliche Viertel in Darmstadt um den Bahnhof gelegen, in dem es wenig Wohnstätten gibt. Da ist fast nur Industrie, aber trotzdem noch ein paar Wohninseln und da gibt es momentan abgeschlossen das ISEK, da liegt die Magistratsvorlage vor, was da passieren soll in den nächsten Jahren. Da werden in den nächsten Jahren 15 Millionen Euro reingesteckt. Das ISEK funktioniert meistens so, dass man eine Trägerschaft hat, einerseits vom Sozialdezernat, also da wird viel in die soziale Infrastruktur investiert, aber da wird auch hauptsächlich in bauliche Infrastruktur investiert. Wenn man sich die Magistratsvorlage anguckt, dann sieht man, wo die Schwerpunkte liegen, wo die Kohle hinfließt, nämlich fast nur in die Bauprojekte. Die soziale Infrastruktur kriegt zwar auch Geld, aber erschreckend wenig.
Vor diesem Hintergrund wurden wir angesprochen, dass es dort diese Tanke gibt. Da gibt es einen lokalen Akteur, das Schulzentrum, die haben diese Tanke mit gemietet und bieten im Keller hinter dieser Tankstelle die Druck Workshops und Druckpädagogik an. Sie wussten nicht genau, was sie mit dieser Tanke machen sollen, und sind auf uns zugekommen und gesagt „Hey, ihr macht doch so was, ihr bespielt Leerstand, macht doch mal was mit uns.“ Da wir natürlich wussten, dass da dieses ISEK gerade läuft, haben wir gesagt „Ja, gut, wir könnten eine einfache künstlerische Intervention machen, könnten da ein bisschen Party machen. Bei uns haben wir gesagt „Nee, vor dem Hintergrund des ISEK würden wir gerne anders rangehen“ und haben anhand dieser Tankstelle das Amt für künstlerische Vermessung entwickelt. Wir haben gesagt „Nee, wir würden gerne für drei Monate Projekt bezogen, dort Künstler einladen, die in der Tankstelle arbeiten und von der Tankstelle aus in das Viertel hineingehen und das Viertel vermessen.
So läuft das meistens bei uns ab, weil wir ja trotzdem noch Architekten, Planer und Gestalter sind, dass wir in erster Linie uns überlegen wie bauen wir den Raum um, was machen wir mit dem Raum. Wir glauben aber auch da an eine physische Infrastruktur. Das ist ein Projekt von drei Monaten gewesen, und obwohl es die Tankstelle schon gab, haben die gesagt „Was brauchen wir, was addieren wir, damit man sieht hier passiert was Neues“ – einerseits die Strahlwirkung, andererseits „Was brauchen wir für eine Infrastruktur, dass hier auch was passieren kann?“ Und die grundlegende Idee war, dass man zuerst reingeht in das Projekt und guckt wer vor Ort ist, welche Akteure es vor Ort gibt, die mit uns zusammen dieses Projekt machen können? Das Schulzentrum und Social Form war mit dabei. Wir hatten unseren Kulturverein, das war damals noch der Diesel Kulturverein, weil wir damals Projektträger waren. Wir haben das gesamte Projekt beantragt, und dann gab es aber noch eine Menge anderer: die Diakonie und die Caritas, die über das ISEK vor Ort einen Auftrag haben und machen vor Ort soziale Gemeinwohl-Arbeit. Und wir hatten noch Veranstalter Tag und Nacht Media (?) und Bedroom Disko (?), die direkt um die Tanke angeordnet waren.
An und aus dem Potpourri haben wir in Form von Workshops zusammen herausgearbeitet, was neben der künstlerischen Vermessung noch an diesem Ort passieren soll, auch vor dem Hintergrund, dass dieser Ort langfristig betrieben werden soll und wir diese drei Monate Projektförderung, die wir eingeworben hatten, als Testballon nutzen können. Es war schnell klar, dass neben der künstlerischen Vermessung der Veranstaltungscharakter ein anderer Bestandteil dieses Projektes sein soll. Die Tanke sollte zu einem Veranstaltungsort werden, zu einer Bühne. Die Wand ist Covid geschuldet, das war 2021. Wir wollten eigentlich im April öffnen, und dann wurde das immer wieder verschoben. Es gab vom Gesundheitsamt Auflagen, dass man den Zugang kontrollieren muss, und dann war nicht klar, da die Tanke ist offen zur Straße ist, eine Wand stehen muss. Man sieht aber, dass wir die dann sukzessive wieder zurückgebaut haben und diese zentrale Bühne unter das Tankendach gesetzt haben. Dem Künstler haben wir aber den Tankeninnenraum gegeben. Das heißt, der Künstler durfte sich den schönen 50er Jahre Verkaufsraum nehmen. Den haben wir ihm dann noch ein bisschen amtsmäßig mit alten Amtsmöbeln ausgestattet. Wir haben viel inszeniert und haben das ein bisschen auf die Spitze getrieben. Da haben tatsächlich die Künstler gesessen. Wir hatten insgesamt drei Künstlerinnen da. Manche haben das aufgenommen und sind wie ein Schauspieler gekommen und haben sich auch zum Amtsleiter gemacht. Manche haben das eher links liegen gelassen.
Es war spannend, weil wir insgesamt drei Positionen ausgeschrieben haben, jeweils drei einmonatige Artist in Residencies. Das erste war von Simon Freund, ein Fotokünstler aus München, der mit seinem Projekt Selbstporträts an die Tanke gekommen ist. Das funktioniert so: Er tauscht mit 100 Leuten die Kleidung. Er hat immer eine Uniform an, seine Klamotten sind immer die gleichen, er hat sich in unserem Fall die Leute an die Tanke eingeladen, hat Klamotten mit ihnen getauscht und dann jeweils zwei Porträts gemacht, eins von sich in der Klamotte der anderen Person und eins von den Personen in seiner Kleidung. Das fanden wir spannend im Auslobungsprozess.
Der Auslobungsprozess funktioniert so: Wir laden über einen Open Call Künstler ein, die sich mit Konzepten bewerben sollen. Mit einer Jury, die einerseits aus Fachpreisrichter und andererseits aus lokalen Sachpreisrichtern besteht, die das Viertel kennen, lichten wir die Einreichung und wählen dann aus, was passt. Dann haben wir im Kopf: Was wollen wir gern vom Künstler haben, was soll er im Viertel machen?
Gleichzeitig ist aber dieser Abgleich mit den lokalen Akteuren ganz wichtig, um zu gucken, ob das hier überhaupt, was das für Viertel ist, und was funktioniert? Das war spannend, um mit der Arbeit von simon an die Leute überhaupt ranzukommen.
Sara Metz, die zweite Künstlerin aus Kassel, hat einen wesentlich partizipativeren Ansatz. Sie hat viel stärker gesagt, sie geht einerseits raus ins Viertel, sammelt, macht Psychogeografie, sammelt, was sie in der Straße findet, lädt aber gleichzeitig auch Leute an die Tanke ein, zum Essen, um mit ihnen Workshops zu machen und auch auf kleine Erkundungen zu gehen. Sie hat am Ende ein kleines Archiv dieses Viertels an der Tanke ausgestellt, mit all den Sachen, die sie und die Leute dort gefunden haben.
Unser dritter Künstler war Johannes Herold, Architekt und Stadtplaner, der noch mal ein Stück weiter partizipativer war. Er hat die Leute aufgefordert, Szenen aus ihrem Leben aufzuschreiben und einzureichen und hat daraus ein fiktives Drehbuch über einen Tag im Pamo (?). Das war unglaublich spannend, weil man in der Abschluss Ausstellung sich durchlesen konnte und einen ganz anderen Einblick in dieses Viertel bekommen hat, was sonst nicht machbar gewesen wäre. Seine andere Aktion war, dass er die Fördergebietsgrenze mit einem Markierungswagen ab abgefahren ist. Da hat man erst gesehen, wie wahllos diese Grenzen gesetzt werden, weil das ja einfach eine Linie ist, die an Kataster grenzt und an Stadtgrenzen entlangzieht. Das war ein unglaublich starkes Bild einerseits, ihn dort zu sehen, mit dem Markierungswagen, aber andererseits diese Kreidespur durch die Straße verfolgen zu können. Wir hatten alle ein bisschen Schiss, weil er das irgendwie beim Amt durchgekriegt hat, aber diese Kreide Spur war genauso breit wie eine Fahrbahnmarkierung, der ist auch über Fahrbahnen drübergefahren. Wir waren uns nicht sicher, was da passiert, wenn da auf einmal eine durchgezogene Linie mitten auf der Fahrbahn war.
Die künstlerischen Positionen wurden alle, nachdem die gemacht worden sind, an der Tankstelle ausgestellt in Form von der Abschlussausstellung, die wir dann auch zusammen mit den Künstlern kuratiert haben und die Szenografie für den Künstler entwickelt haben.
Das ist noch mal wichtig für die erste Amtszeit zu sagen, dass es sich diese Parallel Bespielung mit einem kulturellen Programm als erfolgreich herausgestellt hat, die noch mal anders Menschen aus dem Viertel durch ein anderes Angebot an die Tankstelle geholt hat. Die Schnittstelle zwischen den Künstlern und was die Künstler gemacht haben mit den Bewohnern aus diesen Stadtteilen, dass es dort auch eine Begegnung gibt, die wäre sonst wesentlich schwieriger gewesen, wenn es kein Kulturprogramm gegeben hätte.
So funktioniert das Amt: man hat immer zweigleisig einerseits die Künstler, andererseits meistens ein kostenfreies Angebot mit den anderen am Projekt Beteiligte.
Das erste Projekt lief drei Monate lang und hatte sechs Monate Vorbereitungszeit und war insgesamt vom Budget her 80.000 €. Das hat zwar gereicht, um die Künstler bezahlen zu können. Es hat auch gereicht, dass wir die die Künstlerinnen und Künstler auf der Bühne gut bezahlen konnten, was die Gage angeht. Aber da sind natürlich sehr viele freiwillige Stunden reingeflossen in die Vorbereitung und Planung.
Das Amt ist nicht nur eine Methode, sondern diese selbst initiierten Projekte sind ein Versuch zu zeigen, dass das sehr wertvoll ist und, dass das gerne bei solchen Stadtentwicklungsprojekten in die Ausschreibungen mit reinrutschen darf. Das kann man auch sagen, dass die Leute, die das ISESK gemacht haben in Darmstadt, sehr happy darüber waren, weil das sehr öffentlichkeitswirksam war, aber da ist kein einziger Cent aus diesen Fördermitteln geflossen, weil diese Fördermittel nicht in temporäre Projekte investiert werden dürfen, sondern nur in massive Bauten oder soziale Infrastruktur. Diese Art von Projekten, die fällt da ziemlich durch, die bleibt dann im Rahmen der Kultur hängen.
Lydia: Ein Gutes hatte es, und zwar wurde Social Form gleich für das nächste Amt für künstlerische Vermessung angefragt. Dabei ging es um ein Einkaufszentrum in dem Stadtteil Kranichstein, das ist so Trabantenstadt im Norden Darmstadts. Dort sollte ein bestehendes Einkaufszentrum abgerissen werden und die, die Quartiersmanager vor Ort wollten die Phase vor dem Abriss nutzen, um den Bewohner*innen einfach einen bewussten Umgang mit dieser Veränderung zu ermöglichen.
Hier habe ich zwei historische Fotos mitgebracht. Kranichstein ist am Reißbrett entstanden. Es wurde von Ernst May 1968 geplant und hat dann leider so einen Investitionsstopp erfahren, sodass Kranichstein recht lange von der Infrastruktur abgeschnitten. Der öffentliche Personennahverkehr war schlecht, und der einzige Nahversorger war eine Baracke, in dem die Lebensmittel verkauft wurden und davon sind gerade die älteren Kranichsteiner ziemlich gezeichnet. Für die war ihr EKZ, ihr Einkaufszentrum eine Errungenschaft und, dass das jetzt abgerissen werden sollte, das hat sehr gemischte Gefühle an dem Ort hervorgebracht. Auch weil der Ausblick, der ist, dass viele Gewerbetreibende dort sich die neuen Mieten nicht mehr leisten können.
Das Objekt ist ein eingeschossiger Zusammenschluss von mehreren Kaufstädten, die man durch Passagen aus allen Himmelsrichtungen erschließen kann. Das soll ein Blockrandbebauung weichen, fünfstöckig und ohne Innenhof. Schon von dieser Art wie man es begeht, wie man sich dort aufhält wird da etwas anderes entstehen. Um diesen Wandel zu moderieren oder auch zu diskutieren, wurde Social Form eingeladen, einen leerstehenden Lotto Toto laden zu bespielen, und zwar mit einem, wir haben das Pop up EKZ genannt, also mit einem Pop-Up Shop oder -Laden für alle.
So sehen die Räumlichkeiten aus: ihr seht hier einen Eckladen in einem ausgeräumten Zustand. Hier sieht man, wer die Projektpartner waren, also dieses Mal war v.a. die Stadtteilwerkstatt Kranichstein mit den Quartiersmanagerinnen. Das waren die Mitinitiatoren, die eine sehr starke Rolle in dieser Kollaboration hatten, weil wir nur diesen Raum ausgebaut haben und dann die künstlerische Vermessung beigetragen. Aber dieses Veranstaltungsprogramm, was an dem Amt für künstlerische Vermessung an der Tanke stattgefunden hat, das haben wir hier nicht wieder gemacht, sondern das war in Händen der Diakonie.
Für diesen Raum ist folgendes Konzept entstanden: Die Decke wurde rausgenommen, es gab einen großen Einbauschrank, in dem alle lokalen Akteure und Initiativen Platz hatten, ihre Materialien unterzubringen. Es wurde eine Bühne eingebaut, die sich nach innen und nach außen formuliert hat, und es gab eine modulare Bestuhlung bzw. man konnte aus verschieden hohen Böcken lange Tafeln und auch kleinere Tische bauen. Es war eine sehr flexible Möblierung, die dort ganz viele Formate erlaubt hat. Die Umsetzung des Ladens hat auch mit den Bewohner*innen stattgefunden. Das war eine gute Herangehensweise, sich mit dem Laden zu identifizieren und uns den zum eigenen zu machen.
Hier sieht man, wie die Bühne gestrichen wurde oder die Möbel zusammengeschraubt wurden, das war im April. Ende April hat dieser Raum eröffnet und viele Gestaltungsentscheidungen wurden mit den Akteuren gemeinsam getroffen: die Farbzusammensetzungen, aber zum Beispiel auch der Name dieses Ortes. Dieser Laden heißt Chillaui. Das war interessant, weil bei der Abstimmung des Namens überdurchschnittlich viele Teenager da waren und wir haben dann diesen Namen genommen und haben ihn überall draufgedruckt.
Jurek: Beim Projekt waren später überdurchschnittlich viele Alte dabei.
Lydia: Jetzt möchte ich euch gerne die Künstlerin Linda Furka vorstellen. Linda hat auch über eine Ausschreibung zu uns gefunden. Wir haben diese Ausschreibung für diesen Ort erstellt und haben auch eine Jury zusammengesetzt aus Leuten aus dem Viertel, aus Fachjuroren. Linda Furka ist Künstlerin, sie hat soziale Kunst in Ottersberg studiert, lebt gerade in Berlin und arbeitet auch als Künstlerin. Sie macht das hauptberuflich und ist 41 Jahre alt. Das finde ich auch interessant, weil ich oft das Gefühl habe, dass sich überdurchschnittlich viele junge Künstler auf solche Projekte bewerben, aber wir hatten jetzt eben Linda dabei.
Linda hatte die Methode, dass sie eben durchs Quartier gelaufen ist. Sie hat viele Spaziergänge gemacht und hat alles, was sie gesehen hat, gezeichnet auf Postkarten, große Formate. Sie hat auch Workshops mit den Bewohner*innen vor Ort gemacht. Die Personen haben ihre eigenen Bezüge zum Viertel gezeichnet und sie hat aber auch Interviews geführt. Und all diese Einflüsse sind dann in ein Wandbild überführt worden. Dort hat sie eine Verdichtung all dieser Skizzen vorgenommen.
Wir haben ihre Arbeiten aber nicht nur auf diesem gehabt, sondern wir haben ihre Materialien auch genommen und haben sie in im gesamten EKZ gezeigt. Wir haben die Zitate der Bewohner*innen in die Lichtschächte tapeziert und an vielen Stellen haben wir die Werbetafeln, die es dort sowieso schon gab, aufgenommen und haben ihre Skizzen dort aufgehängt und ausgestellt.
Diese Ausstellung läuft gerade in der Verlängerung, das ist ganz schön. Also die sollte noch ein bisschen dort hängen bleiben und wir sind auch gerade in Verhandlungen. Ihr Hauptwerk will der Projektträger gerne übernehmen.
Jurek: Die Investoren, die das Einkaufszentrum abreisen, waren total happy, weil, als wir die Abschlussausstellung hatten, und wollten direkt einkaufen und wollten eigentlich auch direkt noch mal fragen, ob sie irgendwas mit Kunst am Bau macht, denn das war bei dem Projekt immer eine Gratwanderung. Die Investoren kommen rein, machen eine große und schwierige Veränderung in der Stadt, und wir mussten immer gucken, dass wir nicht übernommen werden als schönes Projekt, was den Abriss verschönt, das ging da aber ganz gut. Die haben uns in Ruhe gelassen und auch der Ankauf, war meiner Meinung nach, ehrlich motiviert, also nicht unbedingt ganz so negativ, wobei man auch sagen muss, dass das lokale Investoren sind. Das ist die Sparkasse, die vor Ort ihre Geschichte hat, und Kolb und Partner, das ist eine Darmstädter Familie. Das ist natürlich ein anderer Bezug zu der Lokalität, als wenn das ein Global Player wäre.
Lydia: Ich würde noch zwei Sätze zu dem Rahmen. Wir hatten nicht nur die Künstlerin drin, sondern wir hatten lokale Initiativen vor Ort, die ihr eigenes Programm mitgebracht haben. Immer montags waren Ladies da, die gestrickt haben. Wir hatten Stammtische, wir hatten Theaterleute dabei, also es gab Workshops für Biografiearbeit und Clown-Workshops. Die Leute vor Ort haben diesen Laden permanent benutzt. Das hat es vielleicht für die Künstlerin ein bisschen schwieriger gestaltet dort zu arbeiten. Dieser Laden wurde sehr gut angenommen und es haben sich Leute gefunden, die den jetzt auch nach unserem Projekt weiter verwalten bis zum Abriss. Der Abriss wird Anfang nächsten Jahres sein.
Jurek: Der Abriss wird jetzt verschoben. Die kriegen die Flächen nicht verbietet und vorher reißen sie nicht ab. Vielleicht bleibt es auch noch ein paar Jahre, aber das Schöne ist, dass die Infrastruktur bleibt. Die Bühne bleibt und so weiter. Das und der Raum zusammen reicht eigentlich schon, dass Leute vor Ort einfach aktiv werden können, wenn sie den kostenlos nutzen können. Das ist ganz angenehm, plus die Stadtteilwerkstatt, die vor Ort installiert ist, um vor Ort zu wirken.
Publikum: Es schien am Anfang so, dass es ein Projekt sein soll, das die Leute vor Ort darauf einstimmt, dass was Neues passiert und mit dem Projekt, dass ich es so sehe, habe ich das Gefühl, ihr macht den Raum noch viel schöner und noch nutzbarer für die Leute, sodass eigentlich der Abschied schwerfällt, weil sie jetzt auch noch selbst spielen könnten. Wie seid ihr damit umgegangen?
Lydia: Ich glaube, dass es überhaupt ein Abschied werden konnte, hat damit zu tun, dass wir dort waren und ich glaube, über diese Aktion ist erst vielen Leuten klar geworden, dass es abgerissen wird, das war so gar nicht so präsent. Und mit „Hey, welchen Bezug habt ihr denn zu eurem Einkaufszentrum?“, ist erst ein Bewusstsein für den Ort entstanden. Ich glaube auch, dass es schwerer wird, ihn abzureißen. „Wo wohne ich eigentlich, was macht das mit mir? Warum halte ich mich hier gerne auf oder warum auch nicht?“ Wir haben sehr verschiedene Stimmen dazu auch gehört und ich glaube, es war eher ein Ort, wo Leute ins Reden gekommen sind über ihr Viertel und haben das reflektiert, was sie da haben. Und es war durchaus umstritten. Es gibt verschiedene Haltungen zu dem neuen Projekt.
Jurek: Wir haben darüber gesprochen bei der Auslobung von der künstlerischen Vermessung, was wir denn vermessen haben wollen, und da haben wir gesagt, wir hätten gerne, dass der Bezug, der gar nicht zu diesem Einkaufszentrum vermessen wird, und dann haben wir gesagt, es ist sowohl ein zurückschauendes Ding als auch ein nach vorne schauendem Ding.
Man muss klar sagen, die Möglichkeit, diesen Laden zu bespielen, das geht erst seitdem es abgerissen wird. Der steht zwar schon seit zehn Jahren leer, aber jetzt war erst die Möglichkeit da, den zu bekommen. Das ist vielleicht auch das Subversive, weil die Leute da erst gemerkt haben, wie gut dieser Ort funktioniert. Das ist ein Atrium-Innenhof, das ist ein wirklich wichtiger sozialer Ort von dem Viertel, und der neue Bebauungsplan schlägt vor, unten die Flächen zuzumachen. Da kommen Edeka und Rossmann rein, also klassische Sockelzonen Nutzung, wo keine Belichtung sein muss, und die soziale Fläche geht fort.
Deine Frage war, ob wir den Abschied damit schwerer gemacht haben. Da würde ich sagen Ja, aber wir haben eher darauf hingewiesen, oder es wurde erst im Viertel bewusst, was das überhaupt bedeutet. Ich glaube schon, dass das Projekt sehr wichtig war, und so war auch die Frage von den Sozialarbeiterinnen, dass man sich damit auseinandersetzt und auch die Für und Wider hatten.
Was schön ist, ist, dass jetzt Forderungen an das neue Raumprogramm entstehen, nämlich nach einem konsumfreien Ort, der das ermöglicht und genau das ist auch die Chance solcher Projekte.
Das AkV kommt immer noch zu spät. Eigentlich hätten wir das AkV liebend gerne, bevor dieser Umbau geplant wird, da drin, damit man über diesen Zugang die Raumprogramme von den Neubauten beeinflussen kann. Wie du gesagt hast, es ist ein aufmerksam machen. Das ist ein schmerzhafter Prozess, aber daraus, wenn es noch früh genug ist, können Forderungen entstehen, die wieder in die Prozesse zurückfließen können.
Ich habe das am Anfang erwähnt, wo wir gesagt haben, dass das AfK als Methode den gängigen städtebaulichen Analysen zur Seite gestellt wird, damit aus diesen lokalen, ortsspezifischen, kontextspezifischen Projekten Wissen entsteht, was im besten Fall zurückfließt in die Entwicklung des Viertels.
Nur, wie du gesagt hast, eigentlich ist der Abbruch schon geplant, es ist ganz klar was reinkommt und man macht eigentlich so versteckt hintendran noch mal ein Projekt was gezeigt hat, was hätte sein können. Ob das jetzt grausam ist oder nicht, weiß ich nicht. Ich habe das Gefühl, die Leute haben es trotzdem sehr positiv mitgenommen.
Lydia: Gute Frage, ich muss da noch drüber nachdenken. Die Künstlerin hat nicht nur dieses Triptychon in ihr Werk aufgenommen, sondern es gab noch ein paar kleinere Werke, die eine Bank gezeigt haben, die direkt gegenüber von dem Laden ist und das hat die Kolbs dazu bewogen über eine Bank nachzudenken vor ihrem Einkaufzentrum. Es hört sich komisch an, aber die Bank ist echt! Das ist die einzige Sitzgelegenheit im Einkaufszentrum. Dann gibt's noch Cafés, aber da kann man ja nur sitzen, wenn man auch konsumiert. Solche Impulse sind entstanden.
Jurek: Abschließend kann man sagen, dass das AKV zweigleisig fährt.
Einerseits mit der künstlerischen Vermessung, diese Auseinandersetzung mit dem Ort, die für die Leute, die dort mitmachen und die das auch rezipieren, die vielleicht sogar Teil der Vermessung sind von den Künstlern, ein Augenöffnen ist und ein bewussteres Hingucken ermöglicht. Es läuft ja nicht jeder durch seinen Stadtteil mit einem Städteplaner oder mit einem elektrischen Blick. Das ist unglaublich spannend, was dort für Auseinandersetzungen stattfinden, zwischen den Künstlern und den lokalen Bewohnern.
Andererseits gibt es dieses Place Making, oder diese bürgerschaftlichen Initiativen, die einen Raum und einen Ort bekommen, um selbst zu wirken. Das ist in beiden Projekten Wurzeln geschlagen: Die Tanke wird ja nicht abgerissen, die gibt es ja noch und die wird weiter bespielt von den neutralen Akteuren. Das ist spannend zu sehen, dass diese (Infra-)Strukturen, die dort baulich entstehen, über die Zusammenarbeit auch digital entstehen, und auch was den Wissenstransfer angeht, bringt die Leute in die Lage, den Ort weiter zu betreiben.
Bei der Tanke z.B. ist die Frage, ob ein Verein gegründet wird, auf was für Strukturen man setzt, damit sie es gut weiter betreiben. Da ist lustigerweise eher noch die Ehrfurcht vor Fördergeldern da. Die würden es lieber gerade eher ohne Gelder machen, damit es ohne zu viel Druck von außen passiert. Wie gesagt, in Kranichstein wird sie auch weiter betrieben.
Das erfüllt auch den zweiten Punkt, dass die intensive Zusammenarbeit mit lokalen Akteuren, lokale Netzwerke stärken soll. Da sind wir wieder in den Förderstrukturen, denn die Infrastruktur, die wir bauen, besteht aus Bühnenbildern, das sind keine investiven Maßnahmen, dann werden die nämlich meistens nicht gefördert. Man muss sich mit dieser Förderwelt auch ein bisschen auseinandersetzen, um das Gut über die Bühne zu bringen. Deswegen macht es, unserer Meinung nach, Sinn, dass wir das machen, die wir uns damit auskennen, damit das nicht wieder von vorne entwickelt werden muss.
Das waren die zwei künstlerischen Vermessungen. Beide sind abgeschlossen und es gibt erst mal noch keine neuen Anfragen. Das Amt geht wieder in sein Kokon zurück, wo es nur Internet und Digitales ist und wartet auf neue Anfragen.
Lydia: Ich würde sagen, wir öffnen kurz bis zum nächsten Vortrag. Fragt oder kommentiert gerne, wir sind neugierig, was ihr denkt.
Norina: mit zu dem Thema, die lokalen Akteure betreiben und so weiter. Sind das die Geldgeber, nein, oder? Das sind die Leute, die dort vor Ort aus der Nachbarschaft privat sich aktiv angeschlossen haben?
Lydia: Genau, es wird aber noch gestützt. Zum Beispiel in Kranichstein wird es noch von den Quartiersmanagerinnen gestützt. Die betreiben z.B. einen Kalender und haben eine E-mail-Adresse und eine Telefonnummer. Man kann seine Aktion bei denen anmelden. Die verwalten den Raum mit. Es haben sich aber zusätzlich fünf Leute gefunden, die den Raum pflegen und drauf aufpassen, dass da jemand immer den Schlüssel hat. Dort ist es ein Mischkonzept. An der Tanke sind raus die Quartiersmanager raus und das sind nur noch Druckwerkstatt und (?).
Jurek: Bei der Tanke ist es anders. Da gab es vorher schon einen Mieter, der gesagt hat, er möchte den Ort auch entwickeln. Der betreibt den auch weiter, aber er hat über das Projekt sehr viele Kontakte, und die Leute wissen, dass man dort hingehen kann, und die haben diese Bühne. Es gibt dort in der lokalen Nachbarschaft Theaterschaffende, die auf diese Infrastruktur zurückgreifen.
Man muss man aber sagen, wir hatten da drei Monate volles Programm. Da war jedes Wochenende eine Veranstaltung in der Woche auch noch mal eine Veranstaltung, da ist viel passiert. Das war auch finanziert und die merken jetzt auch, was es heißt, wenn die Ressource nicht mehr da ist in bezahlter hauptamtlicher Tätigkeit. Das ist auch immer wieder, wenn wir die Projekte aufsetzen, eine große Diskussion. Was schreiben wir in den Förderantrag rein? Welche Position, also welche Tätigkeit muss entlohnt werden? Das hat uns beim Chillaui ein bisschen auf die Füße gefallen, weil wir die Sozialarbeiterin viel stärker mit im Boot gehabt haben und da haben wir gesagt „Hey, wer kümmert sich denn um das Programm? Wer spricht die Leute an? Wer holt die Leute rein? Wer bewirbt und wer organisiert?“ Und dann haben sie gesagt „Ne ne, das haben wir alles in unseren Stunden drin, das machen wir schon, brauchen wir nicht in den Förderantrag reinzuschreiben“. Es kam raus, dass sie das ein bisschen lachser eingeschätzt hatten oder auch einfach sehr gebunden waren im Viertel und diese Stelle hat dann einfach gefehlt, die gab es dann an der Kohle nicht, die konnte man nicht mehr besetzen. Dadurch ist das Projekt nicht ganz so divers, weil dadurch wurden die Leute angesprochen, die eh schon aktiv sind im Viertel und da, wo es ein bisschen mehr Arbeit gebraucht hätte, auch andere Gruppen und Communities anzusprechen. Das ist dann fallen geblieben oder hinten liegen geblieben. Ich möchte das jetzt nicht kleinreden, aber ich finde das recht spannend, die Weichen setzt man recht früh in dem Projekt und auch sehr stark mit Geld.
Das Chillaui waren 51.000 €, was die Gesamtfinanzierung angeht für eine Gesamtdauer von drei Monate.
Bei der Tanke waren es 40.000 € für das Programm und noch mal 40.000 € für die Bespielung und die künstlerische Vermessung. Jetzt gab es hier kein Programm, das kam nur von den lokalen Akteuren, war also ziemlich Low Budget. Wir hatten zum Glück noch eine schule nebendran, die Kulturschule ist und deswegen die ganze Technik dahinstellen konnte.
Ich glaube solche Projekte machen Sinn in Stadtentwicklungsprojekten, aber die müssen in andere Budgettöpfe rein, dass man sie gut machen kann. 80.000 € ist dann noch zu wenig. Für die Tanke wäre es schön gewesen, wenn es 250.000 € ausgeschrieben wären. Dann könnte man da was reißen und so machen, dass das Resilienz hat. Diese Diskussion ist allerdings mühsam. Wir sind bei der Tanke sehr nah mit den Architekten oder Stadtplanern zusammen gewesen, die das ISEK betreut haben und auch die Gelder verwalten, die dort ausgeschüttet werden sollen. Das ist ein Bund-Länder-Programm, d.h. da gibt es Gelder in 15 Millionen Höhe und die haben eher das Problem, dass sie keine Projekte in den Vierteln haben, also sie kriegt den Mittelabfluss nicht hin. Dann habe ich gesagt „Ja gut, dann lasst uns doch zusammen ein soziokulturelles Zentrum entwickeln.“ Wie auch immer es gibt noch Brachflächen, das funktioniert nicht, weil sie kriegt das nicht hin. An die Förderrichtlinien müsste man mal richtig rangehen an den Rechnungshof und an den Ministerien und da gucken, wie die Gelder fließen können. Momentan ist es so, dass temporäre Maßnahmen nur finanziert werden können, wenn fünf Jahre nach der temporären Maßnahme eine permanente Maßnahme kommt, die mindestens 15 Jahre zweckgebunden ist und das macht es bei solchen Projekten sehr schwierig.
In Pau (?) kommt noch hinzu, dass das Leitmotiv, das Kultur- und Kreativquartier ist, sie aber diese Form von Kultur und Kreativität gar nicht fördern können mit dem Programm. Sie könnten ein großes Kulturzentrum fördern was gebaut wird, wo große Summen drin sind, aber da brauchst du erstmal Geldgeber und Investoren. Das ist die Idee von diesen Projekten zu zeigen, „Hey, die Projekte sind sehr wertvoll, die machen a) sehr gute Öffentlichkeitsarbeit, es kommt was andere bei den Bürrgern und Bürgerinnen, man merkt, dass was passiert im Stadtteil und b) ist es spannend zu sehen, wie sich diese Netzwerke weiterentwickeln und ob die auch halten oder nicht. Das ist für uns auch noch ein Experiment, ob die irgendwann im Sande verlaufen oder nicht, aber wir glauben dran.
Publikum: Ihr habt vorhin davon gesprochen, dass bei der Namensfindung von dem großartigen Namen Chillaui hauptsächlich Jugendliche beteiligt waren und dann später aber es sich eher wandelte und älteres Publikum vorbeikam. Lag es Eurer Meinung nach an der programmatischen Ausrichtung? Oder daran, dass die Jugend in diesem Stadtteil vielleicht schon weitergezogen ist oder sich woanders bewegt hat?
Lydia: Es gibt verschiedene Gründe. Direkt neben dem Einkaufszentrum ist ein Jugendclub und der heißt Chillmo, das ist hessisch. Das war dieselbe Gang. Ich glaube es war recht leicht am Anfang, die waren sehr neugierig und fanden diesen Bauprozess und was da passiert spannend. Ich weiß nicht genau, warum wir sie nicht rangekriegt haben. Auch während der Workshops mit Linda, da waren jüngere Kinder dabei, aber die 14 Jährigen, die sind nicht gekommen.
Jurek: Meiner Meinung nach ist es schon da genau das Thema gewesen, dass eine Person gefehlt hat, der ein Angebot geschaffen hat, der die Leute, die Jugendlichen auch lockt. Wir hatten am Anfang eine engagierte Sozialarbeiterin dabei, die die Jugendlichen auch rangebracht hat. Die war dann irgendwann einfach weg. Ich weiß gar nicht warum, Ferien, Schule irgendwas. Dann hat man gemerkt, dass die Jugendlichen weg waren und das auch nicht aufgefangen werden konnte. Das muss man auch sagen, nur die Projekte mit schöner Gestaltung reichen nicht. Man muss schon gucken, dass man Angebote schafft und dass man die Leute anspricht und da hat dann die Ressource gefehlt. Das hatte ich mir ein bisschen erhofft von dieser Stelle, wo die Sozialarbeiter oder die Stadtteilarbeiterinnen gesagt haben „Ne, das machen sie über ihr Werk. Und die hatten eher so die Haltung: wer kommt, kommt und wer nicht kommt, kommt nicht und wir können keinen zwingen.
In solchen Projekten ist es immer wieder Thema, wie man Verbindlichkeiten herstellt. In dem Projekt hatten wir Leute, die eh verbindlich waren, die auch verstanden haben, dass dieser Raum von ihnen genutzt werden kann und für sie da ist. Das war eher ein älteres Publikum und auch sehr homogen. Die Betreiber waren alle mittleren Alter und weiß. Bei den Veranstaltungen war das dann ganz anders, weil da das Laufpublikum auch ankam. Aber bei dem Projekt haben wir es nicht geschafft, da gab es diese Durchmischung, diesen echten Begegnungsraums, nicht so ganz. Da gab es eher Projekte, die von außen beäugt wurden und dann hat man immer gesehen, welche Projekte anschlussfähig waren. Da gab es dann so eine Durchmischung durch das Laufpublikum, aber besser wäre es gewesen, wenn die Leute, die draußen standen, selbst Projekte gemacht hätten. Da gibt's halt dann schon noch eine Schwelle, die abgebaut werden muss und die muss aktiv abgebaut werden, die passiert nicht von allein.
Publikum: (Frage unverständlich)
Da war eine Sprachschule, das waren junge Leute, die englisch, spanisch, italienisch angeboten haben, die aber auch ein Spiel draus gemacht haben, dass die Leute mit ihrer eigenen Sprache kommen sollen und das anteasern sollen. Es haben auch Konzerte und Tanzveranstaltungen gut funktioniert. Die gab es nur sehr wenig, weil die Hauptakteure das nicht selbst gemacht haben. Das war eher der Stammtisch. Gemeinsames Essen zieht immer ganz gut. Das war bei der Tanke ganz anders, weil das Kernteam, was zusammen den Ort betrieben hat. Die kamen aus einer anderen Ecke. Die waren selbst ein junger Verein, der sich was anderes auf die Fahne geschrieben hat, die von vornherein auch schon ein Angebot mitgebracht haben. Die Sozialarbeiterin aus dem Viertel, die für die Kinder zuständig war, hat einfach die Kinder in den Kitas eingesackt und an die Tanke gebracht und das hat die Eltern über die Kinder mitgebracht. In Kranichstein war es anders, und das ist halt auch
Man kriegt viel über das soziale Gefüge der Stadt mit. In Kranichstein muss man sagen, da ist das ISEK abgeschlossen, das lief da vorher und es sind insgesamt 35 Millionen Euro reingeflossen und das merkt man. Bei allem Bashing, was ich jetzt betrieben habe, aber man merkt, dass die soziale Infrastruktur wesentlich satter war in Kranichstein, dass es da auch Angebote gab. Zu deiner Frage: es gab auch Angebote, das heißt, man hatte auch eine stärkere Konkurrenz mit diesem Laden. Das heißt, merkt man schon, dass diese Stadtentwicklungsprojekte noch ziehen und was bringen.
Publikum: (Frage unverständlich)
Jurek: Das Projekt an der Tanke, da waren wir selber Projektträger als Verein, das heißt wir haben die Fördergelder selber komplett eingetrieben und bei dem Projekt im Einkaufszentrum kamen die Diakonie, die Gemeinwesenarbeit auf uns zu und hat gemeint: „Wollt ihr das noch mal so machen?“ Da haben wir gesagt „Na ja, gut, wir haben uns ein bisschen verändert, wir haben den Verein eigentlich nicht mehr. Machen wir gerne, wir schreiben mit euch die die Förderanträge, das können wir nämlich, aber ihr müsst uns quasi dafür beauftragen und wir sind nachher bei euch dann auf Rechnung eingestellt.“ Wir waren von vornherein mit einer Kooperationsvereinbarung im Team, haben zusammen die Förderanträge gestellt, waren aber nicht mehr Projektträger. Deshalb haben wir nicht mehr für alle Teile Verantwortung übernommen. Dann haben wir für die künstliche Vermessung und für den Raum Verantwortung übernommen, aber nicht für die Bespielung mit den lokalen Akteuren. Das war für uns auch ein spannendes Moment, weil im ersten Projekt haben wir für alles die Verantwortung gehabt. Das machen wir dann so, dass wir zusammen mit den Akteuren ein Konzept schreiben, Orts bezogen, wo drin steht, was für eine räumliche Infrastruktur aufgebaut werden soll, was das kostet, was für eine inhaltliche Infrastruktur aufgebaut werden soll, also was es für eine Administration für eine Verwaltung gibt, auch was das kostet, weil das kostet auch richtig viel Geld und was es für ein Programm, für eine Bespielung geben soll und meistens noch Öffentlichkeitsarbeit. Dann gehen wir in Darmstadt meistens ans Kulturamt. Bei beiden Projekten war jetzt als größter Förderer auch der Kulturfonds Frankfurt am Main mit im Boot und dann gibt's noch kleine Förderer, die dazu kommen. Aber es ist in der Kulturecke und dadurch chronisch unterbezahlt.
Mitschnitt: ato
Stadt und Freiräume
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